Interview mit Christian Weyer
Christian Weyer ist Mitgründer von thinktecture,
einer Firma, die Softwarearchitekten und Entwickler bei der Verwendung von .NET- und
Web Services-Technologien unterstützt. Seine Spezialgebiete sind Web Services, verteilte
Anwendungen und Interoperabilität mit der Java-Welt. Er spricht regelmäßig auf
Entwicklerkonferenzen weltweit über Softwareentwicklung und -architektur, ist Autor zweier
Bücher und zahlreicher Fachartikel sowie unabhängiger Microsoft Regional Director in Deutschland.
Sie erreichen ihn über seine Webseite.
Golo Roden: Christian, wie bist Du zur Softwareentwicklung gekommen? Wie und wann hast Du angefangen?
Christian Weyer: Ich vermute, wie so viele in meinem Alter - und das kann man basierend auf den Infos in diesem Interview ja leicht herausfinden. Mein erster Computer war der berühmt-berüchtigte Commodore C64. Damals noch mit der wunderbar klobigen und unsäglich laut-schrillen Datasette 1530. Da dauerte das Laden eines Programms durchaus mal eine Minute und mehr, doch das war uns egal.
Erst später kam dann das Monster-Floppy-Laufwerk 1541 hinzu - meine Kinder wissen gar nicht, was eine Floppy ist und lachen über den überaus lustigen Namen. Als ich dann die 1541 mein Eigentum nennen konnte, habe ich auch begonnen, ein bisschen mit dem Basic V2 auf dem C64 herumzuspielen. Dies waren dann tatsächlich meine ersten Gehversuche in der Programmierung. Da war ich 11 Jahre alt.
Zugegebenermaßen habe ich aber nicht gleich wirklich viel Freude daran gefunden. Auch das Durchstöbern des 64er-Magazins und das Abtippen der coolen Listings darin hat in mir nicht wirklich das echte Programmierfeuer entfacht. Relativ bald habe ich das Basic-Handbuch wieder auf Seite gelegt und mich auf die PEEK- und POKE-Befehlsmanipulation diverser Spiele konzentriert.
Erst einige Jahre später - dann mit einem sensationell revolutionären Commodore Amiga 2000, mit 20 MB (!)-Harddisk - habe ich wieder einige Gehversuche in der Programmierung gemacht. Doch auch da ist der Funke nicht übergesprungen.
Dies passierte tatsächlich erst dann, als mein Vater von der Arbeit einen Compaq Portable PC mit nach Hause brachte - und Portable bedeutete damals, dass ein ausgewachsener Mann mit 1,83m wie mein Vater das Unikum einigermaßen schmerzfrei und rückenschonend tragen konnte. Dieses Monster hatte MS-DOS, was für ein Rückschritt im Vergleich zum Amiga! - und dort habe ich dann mit GW-BASIC ein erstes Fußball-Tabellenprogramm geschrieben. Im Nachhinein betrachtet, war das vermutlich der endgültige Anfang vom Ende - ähm, von einer Art Passion.
Golo Roden: Zusammen mit Ingo Rammer hast Du thinktecture gegründet. Wie kam es dazu?
Christian Weyer: Ich weiß nicht, ob das jetzt so salonfähig ist. Aber egal. Ingo und ich kennen uns schon seit vielen Jahren. Ich habe eine Einzelfirma gehabt, die einigen eventuell noch als eYesoft in den Ohren klingt. Ingo hatte vorher schon eine Firma in Österreich und war zu dem Zeitpunkt aber auch wieder selbständig als Einzelkämpfer unterwegs.
Man hat sich vor allem per E-Mail und IM unterhalten und sich dann schließlich auf Konferenzen persönlich kennen- und schätzen gelernt. Er wurde damals ja immer mit der .NET-Remoting-Technologie in Verbindung gebracht und meiner einer wurde als "Mr. Web Services" verschrien. Da diese beiden Themenbereiche auf der einen Seite konkurrierend, aber auf der anderen Seite auch komplementär waren, hatte sich eine fachliche Kooperation angeboten.
So ging es dann einige Zeit hin und her, wir waren auch gemeinsam auf der PDC2003 in Los Angeles, da hat sich das Bündnis schon angedeutet. Bis wir dann eines Tages auf einer Konferenz - es war Mirko Matytschak's ADC PDC Re-Run in Neu-Ulm - nach dem abendlichen gemeinsamen Umtrunk mit den Konferenzteilnehmern Kurs auf mein Zimmer genommen haben, um den Inhalt der Minibar zu überprüfen. Genau dies war die Geburtsstunde von thinktecture. Aber: wir waren total klar im Kopf, alles genau kalkuliert. So geschehen im Jahre 2004.
Ach ja: Heute haben wir es nicht so gerne, ausschließlich mit den oben genannten Themen in Verbindung gebracht beziehungsweise darauf eingeschränkt oder gar reduziert zu werden.
Golo Roden: Ein wesentliches Merkmal der IT ist, dass man beständig mit neuen Entwicklungen konfrontriert wird, und diesen folgen muss. Woher nimmst Du die Motivation, Dich quasi jeden Tag weiterzubilden und mit Neuem zu beschäftigen?
Christian Weyer: Dafür gibt es eigentlich nur eine halbwegs sinnvolle Erklärung. Man muss ein Stück weit verrückt sein und die ganze Chose nicht einfach als Beruf, sondern als Berufung sehen. Ich liebe das, was ich mache. Klar hat man seine Durchhänger, wenn alles gerade mal wieder zu explodieren scheint, vor Arbeit und Stress. Aber im Grunde bin ich froh und dankbar für jeden Tag, an dem ich diese Tätigkeit ausüben darf. Es ist sicherlich kein Geheimnis, dass es eine Art Traumjob ist, und dieses Privileg wird nicht jedermann zuteil. Wenn nur das viele Reisen und die damit verbundene Trennung von der Familie nicht wäre.
Zudem üben wir ja eine Tätigkeit aus, die von vorne herein sehr viel Autodidaktismus voraussetzt. Ich sehe uns immer als eine Art Filter und "Brandbeschleuninger" für unsere Kunden, die ja die eigentliche Software schreiben (müssen), die dann von deren Endkunden benutzt wird.
Golo Roden: Wenn sich ein Anfänger heute mit dem Thema Softwareentwicklung befassen will - welche Voraussetzungen sollte er Deiner Meinung nach dafür mitbringen, und was siehst Du als No-Go an?
Christian Weyer: Jetzt kann es natürlich sein, dass ich mich um Kopf und Kragen rede. Aber im Prinzip ist es die Essenz aus meiner vorherigen Antwort. Man muss Spaß mitbringen. Man muss Interesse zeigen. Man muss heiß sein. Man muss etwas wollen. Darüber hinaus zählt in dieser Branche eines wirklich sehr viel: Erfahrung, Erfahrung, Erfahrung. Je mehr man macht, desto besser.
Als kleines Beispiel: Ich habe Informatik an der TU Darmstadt studiert. Allerdings merkte ich recht früh, dass das Studium alleine mir gar nichts bringen wird. Also habe ich mir im dritten Semester einen Job gesucht - und ja, ich hatte Glück, mit dem Fraunhofer-Institut gewissermaßen direkt vor der Haustür. Durch diese Tätigkeit habe ich mir sehr viel Praxiswissen aneignen können. Und nicht nur in der Programmierung. Sondern auch vor allem im Umgang mit anderen Menschen. Ein leider viel zu häufig unterschätzter Faktor - ich denke, auf Neudeutsch heißt das jetzt "Softskill".
Golo Roden: Bei der Vielzahl an Technologien, die es heute gibt: Womit sollte ein Anfänger heutzutage anzufangen?
Christian Weyer: Hm, keine Ahnung, ganz ehrlich. Ich glaube nicht, dass die Wahl einer konkreten Technologie initial zu irgendwas führt. Technologien sind am Ende doch nur Mittel zum Zweck. Ich sehe es als wichtig an, dass man eine fundierte - und vor allem praxisorientierte und pragmatisch angelegte - Grundausbildung hat und sich vor allem bereit erklärt, sich ständig weiter zu bilden, sich ständig weiter zu entwickeln. Und zwar nicht in den starren Grenzen von 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr. Ohne diese Grundhaltung wird es schwierig.
Sicherlich, ganz ohne eine konkrete Technologie geht es nicht. Wenn wir uns in der Microsoft- und .NET-Welt umschauen, dann habe ich das Gefühl, dass sich eine Technologiefamilie derzeit als recht dominant gibt. Ich rede von Silverlight. Silverlight für den Browser (auf Windows und auf dem Mac; mit Moonlight von Novell sogar auch für Linux), Silverlight für den Desktop (Out-of-Browser), Silverlight für Windows Phone 7, Silverlight für Symbian, Silverlight für iPhone (von Novell), …
Silverlight möchte irgendwie das bessere, das modernere .NET sein.
Aber nochmals: Alleine das Aneignen einer Technologie oder Technologiefamilie führt zu nichts Brauchbarem.
Golo Roden: Welchen Rat würdest Du einem Anfänger abschließend mit auf den Weg geben?
Christian Weyer: Fundierte Ausbildung mit einem großen Schuss Praxiserfahrung - nur so kann es gehen. Und Spaß haben, wie bei allem im Leben.
Veröffentlicht am 15. August 2010